“Hallo, Mädchen!”
Der Hauptbahnhof glitzert wie ein Weihnachtsbaum. Die Straße zwischen Bahngelände und dem alten Museum liegt jedoch in tiefem Schatten, öffnet sich wie ein dunkles Maul. Rote Schuhe, die Absätze klappern eilig.
„Bleib doch stehen!“
Ihr Atem dampft. Sie ist klein, blass, dünn, fast noch ein Kind. Der Schatten hat sie eingeholt.
„Was machst du hier, Kleine, um diese Zeit? Hast du dich verlaufen?“
Sie zittert.
„Wie alt bist du?“
„Sechzehn“, sagt sie fest und reckt das Kinn vor. Ihr Mund sieht aus wie eine Kirsche.
„Blödsinn.“
Er kommt einen Schritt näher, so dass das Licht der Straßenlaterne sein Gesicht erhellt. Er sieht gut aus.
„Hast du Hunger?“
Sie schweigt.
„Keine Angst.“ Er lächelt. „Ich lade dich ein.“
Ihr ist kalt. Seit drei Tagen hat sie nichts Ordentliches gegessen. Nur ein paar Joghurts und ein trockenes Brötchen. Also nickt sie.

Die Grünflächen zwischen den Blocks sind verwildert. Ratten und Müll. Die Stadtreinigung kommt schon lange nicht mehr her. Wer hier lebt, muss jeden Tag kämpfen.
In der Wohnung ist es kalt. Anne gießt sich einen Beutel billigen Tee auf. Für Kaffee reicht das Geld nicht. Manchmal trinkt sie auch einfach heißes Wasser. Aus reiner Gewohnheit setzt sie sich mit der Tasse an die Heizung, die schon im vorletzten Winter den Geist aufgegeben hat, und zieht die Schultern hoch. Wo ist Lena? Drei Tage und drei Nächte sind es schon. Vielleicht schläft sie in einem Kaufhauseingang. Oder am Bahnhof. Da wäre es wenigstens ein bisschen warm.
Pass auf sie auf, hat Mama gesagt, als sie fortging.
Leicht gesagt, denkt Anne.
Lena ist dreizehn und macht, was sie will. Treibt sich herum. Zu hungrig für die Schule. Seit Anne vor drei Wochen den Job verlor, ist kein Geld mehr da. Sie haben gestritten.
Dann verdiene ich eben was, hat Lena gesagt.
Anne verpasste ihr eine Ohrfeige. Lena packte ihre kleine Tasche, steckte Mamas alte, rote Stöckelschuhe in eine Plastiktüte. Dann ging sie, ohne sich umzudrehen.

Er hat sie tatsächlich eingeladen. Und zwar nicht zu McDoof oder an die Dönerbude, sondern ins Mégane. Das Mégane ist das beste und teuerste Restaurant in Bremen. Es befindet sich in der umgebauten Martinikirche. Wer braucht noch Kirchen? Sie isst Lachssuppe, ein echtes Steak, und schaufelt sich Erdbeersorbet rein. Im Kühler steht eine Flasche Champagner. Nach dem zweiten Glas beginnen ihre Wangen zu glühen.
„Ich heiße übrigens Jack“, sagt er und schenkt nach.
„Ich weiß.“
Sie hat ihn sofort erkannt. Es ist tatsächlich Jack. Jack Moonlight, der diese Shows macht. In den alle Mädchen verliebt sind. Er sieht etwas älter aus als im Fernsehen. Nicht ganz so gut frisiert und mit einem Dreitagebart. Aber es ist eindeutig Jack.
„Was machst du so?“, fragt er.
Sie zuckt die Schultern. „Nichts.“
„Und die Schule?“
„Da gehe ich nicht mehr hin.“
Sein Lächeln wird inniger. „Kennst du meine Show?
„Na klar!“
Jeder kennt die Show. Alle sind süchtig danach. Diese Leute tun für Geld wirklich alles, hat Anne einmal gesagt und die Glotze abgeschaltet.
„Ich bin immer auf der Suche nach neuen Kandidaten.“
Lena blinzelt. „Meinen Sie etwa mich?“
„Warum nicht? Ich bin auf der Suche nach dem goldenen Tipp.“
„Der goldene Tipp?“ Ihre Stimme wird ehrfürchtig. „Und Sie glauben, ich könnte Ihnen diesen Tipp geben?“
„Meinst du nicht?“, sagt er lässig und bietet ihr eine Zigarette an. Gibt ihr Feuer, als wäre sie eine Dame. „Und ich glaube, du hast auch schon eine Idee. Ich sehe es dir an. Du wusstest sofort, wen du vorschlagen würdest, nicht wahr?“
„Ich weiß nicht recht …“
Seine Stimme ist geschmeidig wie eine Schlange. „Ich bin sicher, dass du einen Tipp für mich hast. Vergiss die Prämie nicht!“

Die Prämie. Das ist ein Eigentumsappartement in einem guten Stadtteil, in dem der Müll regelmäßig abgeholt wird und die Straßen nach Einbruch der Dunkelheit von Wachdiensten sicher gehalten werden. Markenkleidung und ein Einkaufsabonnement für einen Lebensmittelmarkt der gehobenen Klasse. Lebenslang. Man hat ausgesorgt.
Natürlich ist die Show illegal. Offiziell zumindest. Die Polizei tut so, als würde sie gegen Jack vorgehen. Aber das dient nur der Werbung, sagt Anne. Anne meint immer, dass sie alles weiß. Wie ältere Schwestern eben so sind.
Es gibt keine richtigen Castings. Wer Glück hat, wird entdeckt. Irgendwo. Nachts auf einer dunklen Straße in der Nähe des Bahnhofs zum Beispiel, in einer Stadt wie Bremen. Die Suicide Show ist der Renner. In allen größeren Städten, und immer zu Vollmond. Mit echtem Blut und einer echten Leiche. Es ist der Wahnsinn. Und am Ende gibt es eine große Party.
„Jemand der dich liebt“, lockt Jack. „Jemand, der dir das Leben schwer macht, der aber alles für dich tun würde.“
„Vielleicht meine Schwester“, sagt Lena leise. „Sie ist achtzehn.“
Jacks Lächeln wird herzlich, er ergreift die schmale Hand.
„Kann ich noch ein Sorbet bekommen?“ Lenas Augen sind noch hungrig.
„Natürlich.“ Er schnippt mit den Fingern wie ein Zauberer, und der Ober kommt diensteifrig angelaufen.

Anne berührt den Bildschirm des in die Schrankwand integrierten PCs der Netcom.Inter, der zum Standardinventar auch der billigsten Wohnungen gehört. Die Dinger laufen rund um die Uhr. Wer braucht noch Ausschaltknöpfe? Das Gerücht, dass in den Geräten Kameras eingebaut sind, die dazu dienen, die Hausbewohner zu überwachen, hält sich hartnäckig. Anne achtet darauf, sich niemals in Unterwäsche oder gar nackt im Radius des Bildschirms zu bewegen. Es geht auch das Gerücht, dass solche Aufnahmen von der Netcom.Inter ins Netz gestellt werden. Vielleicht sind die Wohnungen deshalb so billig. In dem Block wohnen viele junge Frauen. Wenn man den Stecker aus der Dose zieht, wird eine Meldung an die Verwaltung weitergeleitet, und man zahlt eine Sondergebühr, die sich gewaschen hat. Der Gebrauch des Geräts ist verpflichtend.
Der Bildschirm gibt einen Summton von sich. Ein Gespräch. Lenas Nummer leuchtet auf. Gott sei Dank!
Anne tastet mit den Fingerspitzen über den Bildschirm.
„Lena? Wo bist du?“
Ein dunkles Gesicht flimmert auf.
„Anne“, sagt eine tiefe Stimme. „Wie schön, dass wir uns kennen lernen.“
Ihre Hände beginnen zu zittern. Jeder kennt Jack Moonlight.
„Ich möchte dich zur nächsten Show einladen, liebe Anne. Du bist unser Ehrengast.“
„Ehrengast?“ Ihr schaudert.
„Du kennst doch sicher unser Spiel? Wir haben deine Schwester. Soll ich dir sagen, was mit ihr passiert, wenn du nicht mitspielst?“
So läuft es immer. Jeder kennt die Regeln.
„Deine Schwester ist hübsch. Wir haben eine Arbeitsstelle für sie in Aussicht. Im Love-Club. Da wird sie gut verdienen.“
Der Love-Club ist ein Bordell, das im ehemaligen Ratskeller untergebracht ist. Es gehört der Netcom.Inter. Alles gehört der Netcom.Inter. Auch Jack gehört ihnen. Und die Show ist ihr Produkt.
„Sie ist noch ein Kind“, flüstert Anne.
„Alt genug. Genau das richtige Alter, würde ich sagen.“ Die Stimme klingt schmierig. „Denk drüber nach, Anne. Was hast du zu verlieren? Bist du nicht hungrig? Wann hast du zuletzt eine richtige Mahlzeit gegessen? Wenn du willst, wirst du Teilhaberin an Lenas Einkünften. Es ist deine Entscheidung. Andernfalls weißt du, wie du es verhindern kannst.“
Der Kloß in Annes Hals wird so groß, dass sie nicht mehr sprechen kann.
„Donnerstag ist Vollmond. Der Weser Tower. Die Eingänge werden unbewacht sein.“
Anne schweigt.
„Ich bin sicher, dass du deinen Weg findest.“
„Ja“, haucht Anne. Vor ihren Augen flimmert es. Ihr ist eiskalt.
„Mach dich ein bisschen hübsch“, sagt Jack. „Enttäusche das Publikum nicht.“
Dann knistert der Bildschirm, und das falsche Lächeln erlischt.

Das Mondlicht verschwimmt in den Scheinwerfern, die den Tower bestrahlen. Sie trägt ihr bestes Kleid. Die Haare gewaschen, ein bisschen Make-up. Unten johlt die Menge. Ob Lena auch da ist? Vielleicht sitzt sie im Sendewagen, bei diesem Jack. Hat was zu essen, ein warmes Bett.
Sorge für sie, hat Mama gesagt.
Das Geländer der Dachterrasse ist nicht sehr hoch. Applaus, vereinzelte Pfiffe. Anne putzt sich noch einmal die Nase. Dann schließt sie die Augen und springt.

Bremen-2041-mit-rené-paul-niemann-krimibuchautorSuicide Show, erschienen im Buch Bremen 2041

Erzählungen aus der Zukunft. …………… >>>