Narzissa oder Die Sehnsucht nach Stille

„Guten Morgen, Prinzessin …“
Sie gähnt, noch ungekämmt und in einem zerknitterten Nachthemd. In allen Ecken zwitschert, piept und knistert es, ganz nah, direkt in ihrem linken Ohr, die vielen Freunde, die Bekannten, die Freunde von Bekannten, und die Unbekannten, die gerne Freunde werden wollen.

Geboren im Zeichen der weltübergreifenden Kommunikation und des grenzenlosen Geschwafels, sitzt Narzissa alleine unter der kahlen Glühbirne ihres billigen Appartements, in einer Stadt, die noch immer mittelgroß ist, in einem Land, dessen gute Zeiten längst vorbei sind, und dennoch in der Mitte der Welt, im Zentrum der Sehnsucht von Millionen potentieller Freunde, die wispern und raunen rund um die Uhr.

Die Ringe unter ihren Augen sind dick. Einundzwanzig Jahre. Sie trinkt mehr, als ihr gut tut. Und sie raucht zuviel. Keinen Tabak. Dieses andere Zeug. Ein Mix aus Nikotin und Kräutern, dem nach Wahl belebende oder beruhigende Wirkstoffe zugefügt werden. Alle rauchen es, und die Nichtraucher trinken es im Tee, auf Kassenkosten. Aspirin zahlt man selbst.

Sie gießt sich einen Kaffee auf, gefriergetrocknet, preiswert. Hauptsache heiß. Der Vermieter spart an Heizkosten. Mit der Tasse steht sie am Fenster. Die Scheibe hat einen Riss. Es regnet. Ein feiner, grauer Sprühregen, der alles durchdringt. Sie hat schlecht geschlafen. In ihrem Ohr piept es. Das Ding macht Probleme. Aber nun ist es einmal da. Überempfindlich, hat der medizinische Assistent von Global Friends gesagt und gleichgültig die Schultern gezuckt. Sie hat sich Zigaretten mit einem mittelschweren Schmerzmittel verschreiben lassen.

Es piept erneut, begleitet von einem hochfrequenten Knistern. Mit der Hand reibt sie sich die Stirn. Stille, denkt sie. Stille, bitte.

Stille gab es vor langer Zeit. Eine Stille ohne Surren und Summen. Eine ganz unglaubliche Stille. Als Veronika ihr davon erzählte, lachte sie ungläubig. Kurz vor ihrem siebten Geburtstag mummelte Veronika sie ein, mit Schal und Mütze und Handschuhen, und ging mit ihr in den nächtlichen Bürgerpark. Dezember war es. Der Schnee lag knöchelhoch, ganz frisch und weiß. Der erste und einzige wirkliche Winter ihrer Erinnerung.

„Was machen wir hier?“, fragte sie. „Hast du keine Angst, dass ein Wolf kommt? Oder ein Zombie?“
Veronika schüttelte den Kopf und lachte leise. „Keine Sorge. Ich will dir nur die Stille zeigen. Sie ist ein großes Geheimnis.“
Unter einer bleichen Laterne bei der großen Wiese am Parkhotel blieben sie stehen. Dicke Schneeflocken legten sich auf ihre Köpfe und Schultern. Kein Laut war zu hören. Gar nichts.

„Hörst du? Das ist die Stille“, flüsterte Veronika.
Narzissas Herz klopfte laut. Sie fürchtete sich. Die Stille war viel zu groß, viel zu weit für ihren kleinen Horizont.
„Sie tut mir in den Ohren weh!“
„Pssst“, machte Veronika und legte ihr den Finger auf den Mund. „Die Stille ist ein scheues Tier. Wir wollen sie nicht wecken, sonst verschwindet sie ganz schnell.“
Dann knackte es plötzlich im Gebüsch direkt hinter ihnen, und beide fuhren herum und rissen die Augen auf.
„Da ist nichts“, flüsterte Veronika. Das Weiße in ihren Augen aber glänzte wie der frische Schnee, und Narzissa fühlte die warme Hand, die ihre kleine, kalte Faust umschloss, plötzlich zittern.

Die Kaffeetasse ist kalt geworden. Veronika ist schon lange nicht mehr da. Sie hat einen neuen Lover, mit dem sie irgendwo am Mittelmeer eine Strandbar betreibt. Zweiter Frühling. Viel lauter als der erste. Fast ein Jahr haben sie sich nicht gesehen. Natürlich chatten sie. Kommunizieren im sozialen Netzwerk von Global Friends. Teilen ihre privatesten Nachrichten mit Tausenden von Freunden in aller Welt. Freundschaft ist inflationär geworden. Und vielleicht sind die Briefe, die sie mit Veronika tauscht, auch gar nicht so privat. Privatheit, das war gestern. So wie die Stille.

Narzissa reibt sich die Augen. Ihre Lider sind gerötet. In ihrem Ohr rauscht es nun. Das Geräusch zerrt an den Nerven. Hinter den Schläfen schwingt es wie Wellen, und manchmal wird ihr schwindelig. Der Empfang ist gestört. Vielleicht liegt es an den Ohrringen. Metall. Das kann Probleme machen. Wie eine störende Antenne. Plastikschmuck ist besser. Das hat ihr niemand gesagt, als sie sich den Chip mit dem winzigen Sender einpflanzen ließ.
Das Implantat stammt von Global Friends. Sie hat es in der Bürgerparktombola gewonnen. Global Friends ist freigiebig. Nur wenn man sich das Ding wieder entfernen lassen will, wird es teuer. Die Kasse kommt nicht dafür auf. Im Grunde ist es wie eine Zecke, die man nicht mehr loswird. Aber warum auch? Daumen nach oben für den Chip! Das meinen auch 98,9 Prozent ihrer Freunde und Freundinnen in aller Welt. Alle haben jetzt so ein Ding. Und wer es noch nicht hat, der will es. Keine lästigen Handys mehr. Keine nervigen Ohrstöpsel, die ständig verrutschen. Alles voll integriert. Wenn sie schlafen will, programmiert sie Pausen. Bis zu acht Stunden täglich. Um den Rest braucht sie sich nicht zu kümmern. Musik, Tratsch, ein paar Schlagzeilen aus aller Welt, in gut verdaubare Bröckchen gepackt. Vogelstimmen und Meeresrauschen zum Entspannen. Nachts erzählt ihr eine tiefe, angenehme Stimme Einschlafgeschichten.

Narzissa zieht die rote Plüschdecke auf dem Sofa glatt und beginnt, sich zu schminken. Es ist ohnehin gleich neun Uhr. Die Freistunden gehen zuende. Sie zieht sich neue Seidenstrümpfe an. Natürlich keine echte Seide. Billiges Zeug vom Wühltisch. Die andere hat sie gestern zerrissen. Das wollen die Typen sehen. Wie sie sich mit den eigenen Krallen die Strumpfhosen zerfetzt und dabei die Beine spreizt. Und was ist schon dabei? Keiner von den Typen wird ihr jemals begegnen. Keiner wird ihr im Vorbeigehen schmutzige Worte ins Ohr raunen. Die meisten kommen aus China oder Indien. Neulich hatte sie sogar einen von den Fidschi-Inseln.
Sie zieht sich den Lidstrich nach, tuscht die Wimpern tiefschwarz. Die Haare blondiert, der Teint ganz zart und blass. Die Konkurrenz ist wie Sand am Meer. Mindestens die Hälfte der jungen Frauen hier im Block verdient ihr Geld auf diese Weise. Der Eigentümer hat alle Appartements durch Global Friends verkabeln lassen. Kameras in jedem Raum, die durch fein definierte Bewegungsmelder dem Zielobjekt folgen.
Sie trinkt den letzten Rest Kaffee und drückt die Stirn an die kühle Fensterscheibe. Ein paar Minuten noch. Draußen ist alles grau. Fünf Stockwerke unter ihr hält die alte Linie 1, die Straßenbahn Huchting – Osterholz. Manchmal steigt sie ein und fährt bis zur Endstation. Und dann wieder zurück. Weiter als Osterholz kommt sie nicht mehr. Einmal hat sie es versucht, im vergangenen Mai. Das Piepen im Ohr wurde unerträglich. Wie eine lange Nadel im Hirn. Im Grunde funktioniert das Ding wie eine unsichtbare Hundeleine. Mit Rückholmechanik. Wenn sie die Stadt verlassen will, muss sie bei Global Friends einen Antrag stellen.
Die Bahn quietscht in den kalten Schienen. Mama, denkt Narzissa. In Gedanken nennt sie Veronika manchmal Mama. Manchmal sehnt sie sich nach der weißen Nacht zurück, nach der Stille, die ihr damals so furchtbar erschien, und nach dem eisigen Wind in ihrem Nacken. Das Frösteln war so lebendig gewesen.
Zwei Jahre nach jener Nacht kaufte Global Friends das Parkhotel. Jetzt befindet sich dort die Zentrale für Nordwestdeutschland. Die große Wiese ist unter einem Freizeitzentrum verschwunden. Ganz exklusiv. Nur für Mitglieder von Global Friends. Und die Wartelisten sind lang. Konsumwelten, Spaßbad, Beautyfarm, ambulante Schönheitschirurgie, wo auch die Implantate gesetzt werden.

Es pfeift wieder in ihrem Ohr. Und keine Zigaretten mehr. Narzissa krampft die Finger in die leere Packung. Sie hat vergessen, das neue Rezept einzulösen. Die Welt schwankt.
„Es ist neun Uhr, die Kameras werden aktiviert“, flüstert es sanft in ihrem Ohr. „Ein Freund möchte dich sprechen. Auf Kamera drei. Highheels und Straps, bitte.“
Manchmal möchte ich in ein Mauseloch hinein, denkt Narzissa, und wischt den dunklen Streifen, den die Träne hinterlässt, nicht fort.